Wofür lebst du, wenn du unsterblich bist? Die Zeit hat keine Bedeutung, steht dir die Ewigkeit zur Verfügung. Ebenso wenig die Menschen, denen du begegnest. Irgendwann musst du sie verlassen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Oder sie verlassen dich, indem sie sterben. Das Ergebnis ist immer das Gleiche. Es hinterlässt eine Leere in dir, in die du dich nicht fügen willst. So erfindest du dich stets neu, nur um am Ende wieder allein zu sein. Es ist wie eine Zeitschleife, aus der es kein Entrinnen gibt.
Und dann die Sache mit der Liebe. Wie geht man als Unsterbliche mit sterblichen Gefühlen um? Während meiner Existenz habe ich mir diese Frage häufig gestellt. Habe ich sie zugelassen, hat es mir das Herz gebrochen. Habe ich mich dagegen gewehrt, fühlte ich mich nicht vollständig. Vielleicht kann Liebe ohne Sterblichkeit nicht existieren. Wie die Rosen in meinem Garten verwelken, wenn ihnen die Sonne fehlt. Bei dem Gedanken an meine Schützlinge wird mir warm um mein geschundenes Herz. Ihr Duft und der Klang einer Sonate, wenn ich an meinem Flügel sitze, lassen mich meine innere Ruhe wiederfinden. Habe ich die Liebe zu diesem Land wirklich erst in diesem Jahrhundert entdeckt? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, seit ich die Einsamkeit dem gesellschaftlichen Leben vorzog. Ich habe mich für die Isolation entschieden, um mich gewissermaßen selbst zu bestrafen. Für all das Leid, das die Menschen erdulden mussten, weil sie mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Aber auch, um mich zu schützen. Vor den Leiden des kleinen, dummen Herzens. Oh ja, es tut gut, die eigenen Wunden zu lecken, sich selbst zum Märtyrer zu erklären. Doch wenn die Chimären aus dem blutroten Nebel emporsteigen, um mich ins Verderben zu locken, welche Chance habe ich, meinem Ur-Instinkt zu trotzen? Weihe ich mein unsterbliches Leben dem Totenreich? Mir ist bewusst, dass ich nicht auf elysische Gefilde hoffen darf. Aber in das Höllenfeuer gehen, den Ort ewiger Verdammnis wählen? Nein, ich bin noch nicht soweit, um mich mit den Dämonen der Unterwelt auseinanderzusetzen. Letzten Endes habe ich einen Weg gefunden ohne über die sprichwörtlichen Leichen zu gehen. Ein versöhnlicher Ausklang, wären da nicht die Gedankensplitter meiner Vergangenheit, die mich heimsuchen und sich gleich echten Scherben in mein Fleisch bohren. Mich malträtieren und mir schonungslos vor Augen führen, dass ich niemals die Absolution erhalten werde, die ich mir so sehr ersehne.
Ich stehe vor dem Kamin, die Arme fest um meinen zitternden Leib geschlungen. Die Nächte sind kalt in den Highlands. Doch nicht nur mein Körper, auch mein Herz verlangt nach Wärme. Vorsichtig strecke ich meine Hände über den Flammen aus, verfolge deren züngelnde Bewegungen, verliere mich im Tanz ihrer Vollkommenheit. Ich lausche dem Knacken der Scheite. Flüstern sie deinen Namen? Juri. Im Schein des Feuers sehe ich dein Gesicht vor mir. Schwarze Augen unter buschigen Brauen, in denen das Verlangen loderte, sobald du in den Raum getreten warst. Dunkle Locken, die sich wie Seide auf meiner Haut anfühlten, wenn wir uns vor dem Kamin liebten. Wie gerne würde ich dich noch einmal berühren, deinen Duft einatmen, wieder diese Geborgenheit fühlen, die ich nur in deinen Armen fand. Mein Herz krampft sich vor Kummer zusammen, ich spüre die aufsteigenden Tränen, kämpfe gegen sie … und verliere. Habe ich nicht schon genug geweint? Um dich und unsere sichtbar gewordene Liebe? Nicht annähernd genug, um den Schmerz zu vertreiben, der unserem Liebesschwur folgte. Ich habe darauf vertraut eine Familie zu haben, unsere Enkelkinder aufwachsen zu sehen, gemeinsam mit dir alt zu werden. Doch es kam alles anders. Ereignisse, so furchtbar, dass ich sie meinem Todfeind nicht wünschen würde, haben uns unser Glück geraubt. Ich glaubte, nie wieder glücklich zu werden. Was ich auch nicht tat. Nicht in diesem Leben.
Mit dem Gefühl, als würde jemand seine kalten Finger an meine Kehle legen und mir so die Luft zum Atmen nehmen, trete ich ans Fenster. Nervös nestel ich an dem Griff, ehe ich die Flügel weit aufstoße. Sofort legt sich kühle Nachtluft auf mein Gesicht, benetzt meine Haut, lindert den Schmerz in meiner Lunge. Ein tiefer Atemzug verschafft mir Erleichterung. Da steigt eine weitere Erinnerung aus dem Reigen der Schneeflocken empor, die vor meinen Augen sanft zur Erde schweben. Sergej. Mein Ritter in schimmernder Rüstung. Du hast mein Schicksal erträglicher gemacht. In deinen Armen konnte ich die Männer, die sich meine Zuwendung für ein paar schäbige Münzen erkauften, zumindest eine Zeit lang vergessen. Du aber warst anders … in jeder nur erdenklichen Hinsicht. Mein dunkler Vater. Wie dankbar war ich für deine Hilfe, als es eine Entscheidung zu treffen galt, die nicht nur mein Leben, sondern auch mein Wesen verändert hat. Erst gesegnet, verfluchte ich dich bald für dein Erbarmen. Warum hast du dich meinem Wunsch nicht widersetzt? Außerdem hast du mich im Stich gelassen, als ich dich am dringendsten brauchte. Mich, deine Tochter, die einer Führung bedurft hätte. Erst Jahrhunderte später kann ich nachvollziehen, was ich dir damit angetan habe. Du warst immer der Schwächere von uns beiden. Trotzdem … du hättest nicht gehen dürfen, ohne dich zu verabschieden.
Ein leichtes Hungergefühl bemächtigt sich meiner. Soll ich mir einen kleinen Snack zwischendurch gönnen? Nach Jagd ist mir nicht zumute. Schon lange nicht mehr. Ein Glück, dass ich nicht mehr darauf angewiesen bin, ein menschliches Opfer zu reißen, um meinen Blutdurst zu stillen. Mit einem Lächeln auf den Lippen gehe ich zum Kühlschrank, entnehme ihm einen kleinen Plastikbeutel mit eindeutig roter Färbung und gieße etwas davon in ein Cocktailglas. Wenn ich mich schon von den anderen meiner Art abhebe, dann aber bitte mit Klasse. Ich drehe den Stiel zwischen meinen Fingern, ehe ich das Glas zu einem stummen Toast erhebe. Ein Hoch auf die moderne Medizin! Ein Seufzen entschlüpft meinen Lippen. Wenn es diese Möglichkeit doch nur schon vor Jahrhunderten gegeben hätte, mir wäre einiges erspart geblieben. Es hat lange gedauert, ehe ich mich daran gewöhnt habe, den Lebenssaft auf diese Weise zu mir zu nehmen. Ohne einen warmen Körper, dem er entströmt. Doch kein Lebewesen – weder Tier noch Mensch – soll jemals wieder darunter leiden, dass ich diesen Weg gegangen bin. Anfangs fiel es mir schwer, mich mit meinem neuen Dasein abzufinden, obwohl es mich vor dem Tod bewahrte. Dennoch haderte ich mit meinem Schicksal, nun zu einem Geschöpf der Verdammnis geworden zu sein. Es fällt nicht leicht, von einem Opfer zu trinken, wenn du seine Angst bis in die eigenen Eingeweide spüren kannst.
Wut und Resignation kämpften beständig miteinander, bis eines Tages ein Mann in mein Leben trat, der mich von meinem Selbsthass befreite. Christos. Dein Bildnis glich einem Gott, der soeben dem Olymp entstiegen war. Blondes Haar, das sich in leichten Wellen um dein Gesicht schmiegte und dir ein jungenhaftes, fast unschuldiges Aussehen verlieh. Goldene Augen, die mich sofort in ihren Bannkreis schlugen, als du mich in jeglicher Weise errettet hast. Dir verdanke ich alles … und nichts. Obwohl sich unsere Wege immer wieder trennten, verloren wir uns nie aus den Augen. Selbst als die Jahrhunderte kamen und gingen, uns Ozeane und Kontinente trennten. Stets besiegelte ein unsichtbares Band unsere Verbindung. Manchmal sogar stärker als so mancher Trauring, so schien es mir. Du warst für mich der Bruder, den ich nie hatte, warst lange Zeit der Gefährte, den ich mir stets ersehnte.
Doch du warst auch der Dämon, der mir mein größtes Glück nahm. Mit einem Mal verschwindet das warme Gefühl aus meinem Körper. Es weicht einer Kälte, die wie das Gift einer Viper durch meine Venen fließt. Was bleibt ist eine ebenso mächtige Empfindung. Das Gegenstück der Liebe, die ich einst für dich empfunden habe. Hass verdirbt meine Seele, lässt mich dich verdammen für das was du mir angetan hast. Was würde ich darum geben, dich aus meinem Herzen zu schneiden. Keine Erinnerungen mehr zu haben oder ihnen zumindest mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Vielleicht eines Tages.
Um mich auf andere Gedanken zu bringen, setze ich mich an meinen Flügel. Mit geschlossenen Augen lasse ich meine Finger auf die Tasten sinken, halte für einen Moment inne, ehe ich dem Instrument die ersten Töne entlocke. Bereits nach wenigen Augenblicken ist mein Kummer verflogen, meine Gedanken entschweben in Sphären, die unwirklich erscheinen. Ich sehe ein Schiff mit mächtigen Segeln, das in stoischer Gelassenheit den Ozean durchkreuzt. Mir ist, als könnte ich den Wind in meinem Haar spüren. Ich lausche den Wellen, die sich am Bug brechen, schmecke das Salz des Meeres auf meinen Lippen. Es ist, als wäre ich wieder dort. Entspringt die Vision dem Wunsch, meine Freundin wiederzusehen? Sophie. Ich gestehe, ich vermisse deine Freundschaft, die du mir ohne zu zögern angeboten hast. Es war nicht das einzige Geschenk von dir. Hitze steigt in meine Wangen, als ich deinen Körper vor mir sehe. Die sanften Rundungen, die sich deutlich unter dem dünnen Stoff deines Nachthemdes abzeichneten. Das goldene Vlies, welches mich beständig lockte, bis die letzten Schranken fielen und wir uns unserem Verlangen hingaben. Ohne Scheu. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne Wenn und Aber. Und obwohl wir wussten, dass es nur gestohlene Momente waren. Wie sehr wünsche ich mir, dich jetzt bei mir zu wissen. Deine Nähe zu spüren in einer Zeit, die zur einsamsten in meinem unsterblichen Leben geworden ist. Ich hoffe, du bist in deiner neuen Heimat glücklich geworden.
Ein bedeutsamer Zischlaut dringt in mein Unterbewusstsein. Noch ein Besucher aus der Vergangenheit? Langsam wird mir dieses stete Kommen und Gehen lästig. Doch ich lasse mich auch dieses Mal darauf ein. Aus dem einzigen – und wie ich glaube – selbstsüchtigen Wunsch, geheilt zu werden. Noir, meine alte Freundin, welches Schicksal hält deine Kristallkugel dieses Mal für mich bereit? Bei unserer letzten Begegnung glaubte ich noch daran, ein annähernd normales Leben führen zu können. Im Vertrauen auf die Liebe legte ich mein Glück in die Hände eines Mannes, von dem ich dachte, er wäre die Antwort auf all meine Fragen. Richard. Du warst der perfekte Südstaatengentleman. Warum hast du mir einen Ring an den Finger gesteckt, um anschließend unser Glück mit Füßen zu treten? Dein Verhalten hat mich dazu genötigt, meinen Instinkten zu folgen und Dinge zu tun, von denen ich nie gedachte hätte, dass ich dazu fähig wäre. So nah am Abgrund stand ich kurz davor, meine Menschlichkeit zu verlieren. Die Blutgier lockte mich beständig. Dass ich ihrem Ruf nicht gefolgt bin, war nicht dein Verdienst. Noch in derselben Nacht verließ ich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es hat mir letztendlich nur Kummer bereitet. Die schwarzen Vorzeichen hätten mich warnen sollen, doch ich war blind gewesen. Verzeih mir, meine alte Freundin.
Die Erinnerungen haben mich ermüdet. Ich sollte zu Bett gehen, ehe die Erschöpfung mich im Salon dahinrafft. Nach all dem Erlebten grenzt es an ein Wunder, dass ich noch so etwas wie Humor besitze. Oder ist es eher als Sarkasmus zu bezeichnen, dessen ich mich von Zeit zu Zeit bediene? Um ehrlich zu sein bin ich zu müde, um darüber nachzudenken – sogar, um unter die Dusche zu gehen. Schnell schlüpfe ich in ein Sleepshirt, putze mir noch rasch die Zähne, ehe ich in meinem Schlafzimmer verschwinde und unter die Decke schlüpfe. Ob mir heute Nacht süße Träume beschert sind? Es wäre wünschenswert, denn viel zu oft haben sie mir die nahe Zukunft gezeigt. Bald gleite ich in Morpheus’ Arme, die mich sanft umfangen. In seinem Bett aus Elfenbein wiegt er mich in den Schlaf, schenkt mir für ein paar Stunden Vergessenheit. Ich treibe körperlos auf dem Fluss der Träume dahin, vereinige mich mit den Nebelschleiern, genieße das Gefühl der Schwerelosigkeit. Da taucht ein Gesicht vor mir auf, das mein Herz für einen Moment aussetzen lässt, um danach doppelt so schnell in meiner Brust weiterzuschlagen. Daniel. Ungläubig berühren meine Fingerspitzen dein Gesicht, ehe sich unsere Lippen zu einem nie enden wollenden Kuss finden. Obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, genügt es mir plötzlich nicht.
Mit fahrigen Händen zerre ich das Hemd von deinen Schultern, achte nicht auf die abgerissenen Knöpfe, die nach allen Seiten springen. Ein dunkles Lachen steigt deine Kehle empor, während du mich von meinem Shirt befreist. Deine Hose stellt die letzte Barriere dar, sie fällt ohne großes Aufheben. Ich bin bereit für dich, war es und werde es immer sein. Liebe strahlt mir aus deinen blauen Augen entgegen, als du sanft in mich gleitest. Heiß und hart – Samt über Stahl. Ich streichle deinen Rücken, schlinge meine Beine um deinen Leib. Ich liebe dich! Nie wieder sollst du mich verlassen! Als du mir dein Gesicht zuwendest, sehe ich Tränen in deinen Augen. Tränen, die sich in Blut verwandeln und über deine Wangen rollen. Hilflos muss ich mit ansehen, wie du mir entgleitest und fortgetragen wirst. Ich rufe verzweifelt deinen Namen, versuche dich einzuholen, doch du löst dich einfach in Nebel auf.
Mit einem lauten Schrei erwache ich, ringe nach Luft, schmecke Tränen auf meinen Lippen. Es ist erneut geschehen. Ich habe dich ein weiteres Mal verloren. Verzweifelt erhebe ich meine Hände gen Himmel. Warum tust du mir das an? Blut an meinen Händen. Was passiert mit mir? Im nächsten Augenblick entzündet sich eine Feuersäule am Fuß meines Bettes, doch ihr Anblick verschafft mir keine Genugtuung. Ich fühle mich ausgebrannt gleich einer leeren Hülle, die nur noch existiert, weil sie nicht sterben kann. Wie soll ich die Unendlichkeit ertragen? Ohne das Lachen eines Kindes, dass in einem sonnengelben Kleid über eine Wiese tollt. Ohne den Mann, der ein wenig Licht in meine Finsternis gebracht hat. Ohne dich.
Trotz der schlimmen Nacht fühle ich mich am nächsten Morgen frisch und ausgeruht. Es ist beinahe so, als wäre es schon lange an der Zeit gewesen, das Vergangene aufzuarbeiten. Ich stelle das schmutzige Frühstücksgeschirr in die Spüle, als quietschende Reifen mich ans Fenster locken. In der Ferne kann ich einen Wagen ausmachen, der wohl für den kleinen West Highland Terrier gebremst hat, der nun mit einem empörten Wuff durch die Büsche flitzt, um in meinem Rosengarten unterzutauchen. Als ich mich frage, wer sein Herz für Tiere scheinbar genau im rechten Moment entdeckt hat, fällt mein Blick auf einen Mann, der den Gehweg heraufkommt. Ich erblicke dunkles, gewelltes Haar, das sich über dem Kragen seines grauen Anzuges kräuselt. Dazu braune Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln in einem markanten Gesicht. Das alles wäre – abgesehen von der Attraktivität des Fremden – nicht weiter erwähnenswert. Doch da ist diese Präsenz … Gedankenverloren trete ich vom Fenster zurück, setze ich mich an den Flügel und lasse meine Träume fliegen, während ich den Schritten lausche, die auf das Portal zuschreiten. Vor langer Zeit empfing ich den Kuss der Dunkelheit, ohne zu ahnen, welche Emotionen dieses neugeborene Wesen erwarten. Doch was ich auch erlebte – ob es Glück war oder Leid – eines verlor ich nie: Die Hoffnung auf Liebe!
Wofür lebe ich, seit ich unsterblich bin? Für das Blut, das in deinem Pulsschlag widerklingt? Für den Hunger, der niemals aufhört? Für die Unendlichkeit, die ohne Liebe zur Qual wird? Ich stelle mir diese Frage seit jener Nacht, als ich dem Ruf der Ewigkeit folgte, obwohl die Antwort in ihrer Klarheit vor mir liegt. Meine Art kennt nur ein Schicksal, denn das Glück hat uns verlassen.