Linda Koeberl
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Jason blickte sich um. Die Straße lag ruhig vor ihm. Zu ruhig! Ein ungutes Gefühl kroch durch seine Eingeweide. Er nahm eine Aura wahr, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie war ihm vertraut und doch – oder gerade deshalb – mahnte sie ihn zur Vorsicht. Bevor er diesem Gefühl weiter auf den Grund gehen konnte, vernahm er ein schwaches Wimmern aus einer der Seitengassen. Jason zögerte, denn er war nicht hier, um sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen. Einzig die Sorge um seinen Lebensgefährten hatte ihn zu so früher Stunde aus dem Haus getrieben. Bald ging die Sonne auf und Dorian war irgendwo da draußen. Wobei Jason keinen Moment glaubte, dass der Valusia sich unnötig in Gefahr brachte. Doch man konnte nie wissen, wer hinter einem her war. Der Dschungel war dicht, die Feinde zahlreich und erbarmungslos. Wer unvorsichtig oder langsam war, wurde vernichtet. Obwohl Frieden herrschte, gab es immer wieder Schlupflöcher, die es den Delinquenten möglich machten, ihre gewalttätige Ader auszuleben. Wie Schatten tauchten sie aus der Dunkelheit, mordeten und entkamen unerkannt. Wertvolle Minuten verstrichen, in denen Jason sich die wildesten Situationen ausmalte. Obwohl er sich nach wie vor weigerte, Dorian in Gefahr zu wähnen. Der letzte Gedanke riss ihn schließlich aus seiner Lethargie. Das Wimmern war inzwischen eindringlicher geworden, sodass er es nicht mehr ignorieren konnte. Jemand – ob Mensch, Valusia, Panthera oder Lykaner – benötigte Hilfe. Darum musste er sich zuerst kümmern. Erst danach würde er weiter nach Dorian suchen und ihm hinterher eine Standpauke halten, weil er ihm Sorgen bereitet hatte. Nahezu geräuschlos schlich er die Straße entlang. Vorbei an Müllcontainern, an denen ein schwacher Duft von Jasmin und Vanille hing. Dann fiel sein Blick auf eine Gestalt, die zusammengekauert auf dem Boden lag. Blutüberströmt mit zerfetzten Muskelsträngen und Hautfetzen, die nur noch vereinzelt an den Knochen hingen, war sie fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Welche Bestie hatte dieses Massaker angerichtet? Und warum? Vorsichtig trat er näher, als er den Blick des Sterbenden auffing. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schock. Sie rammte ihm eine Faust in die Magengrube. Sein Herz drohte stehen zu bleiben. „Dorian!“ Keine Sekunde später kniete er neben ihm. Er wollte ihn in die Arme nehmen, ihn beruhigend streicheln, doch da war kaum ein Stück unverletzte Haut, die es ihm erlaubt hätte. Zitternd schwebten seine Hände wenige Zentimeter über Dorians Körper. Tränen rollten über seine Wangen. Er fühlte sich unendlich hilflos.
„Vergib mir.“ Es war nur ein leises Flüstern, das den gepeinigten Lippen entschlüpfte, doch es erreichte Jasons Herz.
„Hör auf, dich zu verabschieden.“ Mit einem Aufschrei riss er Dorian in seine Arme, ungeachtet der Schmerzen, die dieser gerade durchlebte. Es kümmerte ihn nicht, er wollte ihm nah sein, musste ihn spüren. Seinen Atem, seinen Herzschlag, seine Liebe. Dann würde alles wieder gut werden. Behutsam wiegte er ihn in seinen Armen, streichelte mit sanften Fingerspitzen dessen blutverschmiertes Gesicht. Dorian schien etwas sagen zu wollen, doch das Einzige, das über seine einstmals so sinnlichen Lippen kam, waren feine Blutbläschen, die auf eine zerstörte Lunge hindeuteten. Jason stützte seinen Liebsten, um ihm das Sprechen zu erleichtern.
„Es tut mir so … unendlich leid. Ich hätte dich da nicht … hineinziehen dürfen. Diese Beziehung war … von Anfang an … zum Scheitern verurteilt.“ Ein Husten schüttelte seinen Körper. Jason wollte sich nicht mal im Entferntesten vorstellen, welche Schmerzen Dorian erleiden musste.
„Schhh, nicht sprechen.“ Liebevoll strich er ihm über sein verklebtes Haare, das ihm wirr in die Stirn hing.
„Aber wir … haben keine Zeit … keine Zeit …“ Mit großer Kraftanstrengung packte er Jason am Saum seiner Jacke. „Ich habe den Friedenspakt … ausgehandelt. Ich habe mit den Panthera und Lykanern … am selben Tisch gesessen. Und ich war es, der gegen das oberste Gebot … verstoßen hat. Nun lassen die Götter uns beide … für unseren Verrat büßen.“
Jason senkte sein Haupt. Was sollte er darauf sagen? Das nannte man wohl Ironie des Schicksals.
„Als ich dich im Liberty gesehen habe, wusste ich nicht, dass du ein … Panthera bist. Ich habe mich in den Mann verliebt. Nachdem ich meinen … Fehler erkannt hatte, war es zu spät.“
„Bereust du es?“ Ängstlich suchte Jason in seinen Augen nach einer Antwort.
Mit letzter Kraft zog Dorian ihn zu sich herunter. „Keine Sekunde.“
Mit einem unterdrückten Stöhnen nahm Jason Dorians Lippen in Besitz. Er schmeckte Blut, doch es war ihm egal. Seine ganze Verzweiflung lag in diesem einen Kuss. Es war, als wollte er ihm Leben einhauchen, noch bevor es dessen Körper verlassen konnte. Trotz allem spürte er, dass Dorian schwächer wurde. Er würde sterben und ihn für immer allein lassen. Das Einzige, was er noch für ihn tun konnte, war, seinen sinnlosen Tod zu rächen. Jason löste sich widerwillig von Dorian.
„Du musst mir sagen, wer dir das angetan hat. Ich werde das Arschloch umbringen. Genauso grausam und kaltblütig, wie er sich an dir vergangen hat. Das schwöre ich bei unserer Liebe!“
Dorian schüttelte kaum merklich den Kopf. „Er sorgt sich doch nur um den Frieden. Schließlich hat ein Valusia seine Schwester umgebracht …“
„Vincent!“ Jason ballte seine Hand zur Faust. „Aber wir sind nicht Velcan und Ashari. Wir hätten ihm beweisen können, dass eine Verbindung funktionieren kann.“ Seine Stimme wurde leiser. „Er hat uns keine Chance gelassen.“
Ein Ruck ging durch Dorians malträtierten Körper. Ein letztes Aufbäumen, dann wurde der Blick leer. Sein Leiden hatte ein Ende gefunden.
Jason wusste nicht zu sagen, wie lange er Dorian in seinen Armen gehalten hatte, als er plötzlich die Präsenz eines Vampirs spürte. Sein Instinkt mahnte ihn zu fliehen, solang es möglich war. Dem Fremden würde ein kurzer Blick genügen. Er würde eins und eins zusammen zählen, Jason für den Mörder halten und ihn umbringen, schneller, als eine Schlange zubeißen konnte. Doch trotz dieses Wissens war Jason nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er wollte Dorian nicht freigeben, selbst wenn es ihn das Leben kostete. Verzweifelt barg er sein Gesicht in dessen Haar, spürte noch immer die Wärme seiner Haut. Vielleicht hatte der Valusia Erbarmen und tötete ihn schnell. Die Aussicht, in wenigen Augenblicken das Lächeln seines Liebsten wieder zu sehen, war verlockend. Doch dann fiel ihm ein, was er Dorian versprochen hatte. Er musste Vincent finden und Rache üben. Entschlossen hob er den Kopf, um sich dem Unausweichlichem zu stellen. Doch der Valusia schien seine Anwesenheit nicht wahrzunehmen. Kraftlos ließ er sich neben dem Toten zu Boden sinken. In seinen Augen lag Unverständnis und Kummer.
„Hab ich dir nicht gesagt, du sollst vorsichtig sein? Aber du wolltest nicht hören. Dachtest, du seiest unsterblich.“ Ein leiser Tadel lag in seiner Stimme, dennoch klang jedes Wort liebevoll. Dann beugte er sich über den Toten und berührte mit seinem Mund sanft dessen Lippen. „Ich liebe dich. Gestern, wie heute und auch morgen. Auf Wiedersehen, mein Freund.“
Jason hatte genug gehört. Er spürte, wie die Eifersucht in ihm hochstieg, sich langsam in sein Herz fraß. Besitz ergreifend entzog er dem Valusia den Leichnam, als wäre er sein eigen. Er presste ihn an sich und wiegte ihn in seinen Armen, ungeachtet der Gefahr, in die er sich dadurch möglicherweise manövrierte. Jason wollte ihn zu einer Reaktion zwingen. Warum ging er nicht auf ihn los?
„Wer bist du? Und wie kommst du dazu, derart vertraut mit ihm umzugehen?“
Der Valusia lächelte milde. „Kein Grund zur Aufregung. Ich bin Kieran Delaney, Dorians Cousin ...“
„Der gekommen ist, um sich zu überzeugen, dass er nun der neue Anführer der Valusia ist.“ Jasons Stimme war seine Erregung deutlich anzuhören. Dennoch gelang es ihm offensichtlich nicht, Kieran aus der Ruhe zu bringen.
„Du redest Unsinn und das weißt du. Dorian ist … war auch mein bester Freund. Niemals hätte ich ihm ein Leid gewünscht und sein Tod schmerzt mich genauso wie dich.“
Jason war verwirrt. „Aber woher …“
„Im Gegensatz zu dir, weiß ich sehr genau, wen ich vor mir habe, Jason Hunter. Dorian hat sich mir anvertraut. Schließlich war ich der Einzige, mit dem er darüber reden konnte. Ich habe sein Geheimnis gekannt und werde es über seinen Tod hinaus für mich behalten.“
„Aber warum hast du geschwiegen? Du weißt um die Gesetze und dass eine Verbindung zwischen den Valusia und Panthera verboten ist.“
Kieran nickte. „Natürlich, und ich habe diese Verbindung auch nicht gut geheißen. Im Gegenteil. Ich habe Dorian immer gewarnt, es würde eines Tages zu einem Unglück kommen. Die Götter wissen, ich hätte mir etwas anderes gewünscht, als ihn tot in deinen Armen zu sehen. Aber ich hab es ihm versprochen. Ich denke, nein ich weiß, er hätte dasselbe für mich getan.“
Jason senkte den Kopf. Scham ließ seine Wangen glühen. „Dann bin ich dir zu Dank verpflichtet. Und es tut mir leid, dass ich dich bezichtigt habe, auf seinen Platz als Anführer scharf zu sein.“
Kieran gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er seine Entschuldigung annahm. „Trotzdem bin ich, was du sagst. Der neue Anführer der Valusia und als solcher steht es mir zu, Dorians Tod zu rächen. Weißt du etwas über seinen Mörder?“
Sein Blick bohrte sich in Jasons, doch dieser hielt ihm Stand, schüttelte bedauernd den Kopf. „Als ich Dorian fand, war er bereits mehr tot als lebendig. Er konnte nicht mehr sprechen. Ich weiß nicht, wer ihn umgebracht hat. Obwohl ich das Schwein genauso gerne töten würde wie du.“
Kieran berührte ihn an der Schulter. „Wir werden ihn finden, ich verspreche es dir. Aber nun sollte ich ihn von hier wegbringen. Es wird bald hell und wir dürfen nicht riskieren, entdeckt zu werden.“
„Du willst ihn ins Hauptquartier bringen, nicht wahr?“
Kieran nickte. „Er war der Anführer und wir sollten ihm die Ehre erweisen, ihn angemessen zur Ruhe zu geleiten. Jason, er hat dich geliebt, aber er würde wollen, dass du es verstehst. Dorian hat die Götter geehrt. Ehre auch du sie, indem du mir gestattest, ihn nach den alten Ritualen zu beerdigen.“
Jason wusste, Kieran hatte Recht. Es tat ihm im Herzen weh, Dorian auf seinem letzten Weg nicht begleiten zu dürfen. Stattdessen würde er sich auf die Suche nach Vincent machen. Indem er seinem Artgenossen das Herz aus der Brust riss, würde er das Andenken seines Liebsten ehren. Ein letztes Mal küsste er Dorians Lippen und schloss für immer seine Augen. „Wir sehen uns wieder, mein Liebling. Bald … sehr bald.“ Dann überließ er Kieran den Leichnam.
Dieser hob ihn auf seine Arme und nickte Jason ein letztes Mal zu, bevor er in der Dunkelheit verschwand.
 
 
Leseprobe aus Kuss der Dunkelheit
Band 1 des Dark Romance-Zweiteilers Blutjäger
(Befindet sich derzeit in der Vorbereitung)
 
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